Alle Beiträge aus der Rubrik »Wissen«

Haltung wahren

Im Sommer ist vieles leichter und dann auch wieder nicht. An heißen Sommertagen fällt es schwer, tief durch zu atmen, dabei würde ein vollständiger Entspannungsatem kühlend wirken. Wenn es draußen wieder kalt ist, ziehen sich dafür die Schultern fast von selbst zu den Ohren, um die Wärme im Körper zu halten, auch wenn das Wegziehen der Schultern und das bewusste Öffnen des Brustraumes wesentlich besser die Wärmeregulierung des Körpers anregen würden als das Zusammenziehen. Es scheint fast so, dass wir als moderne Menschen intuitiv nicht unbedingt das Richtige wählen, wenn es um unser Wohlbefinden geht. Aber was ist richtig? Und für wen? Haben wir kein Gefühl für die Dinge, die gut oder schlecht für uns sind? Zeitkritisch würde die Antwort sicher nicht positiv ausfallen, aber Yoga weiß, dass jede Erfahrung auf dem Weg des Lernens weiter führt, also bleiben wir an dieser Stelle nicht stehen. Die Frage der körperlichen Intuition ist nämlich so eine Sache. Im Unterricht erlebe ich immer wieder die Situation, dass Schüler sich explizit das Üben wünschen, das ihnen im yogischen Sinn nicht gut tut, soll heißen: Die Erfüllung des Wunsches würde nicht zur Auflösung der Beschwerden führen und den Schüler in seiner persönlichen Entwicklung stagnieren lassen. Ich gebe ein Beispiel: Eine Schülerin mit einer sprühenden Energie wünscht sich immer wieder von mir mehr kraftvolle und fordernde Asanas im Unterricht. Das gefällt ihr halt am besten! Ihr eigenes Wesen ist energisch und feurig und so „passen“ anstrengende Haltungen zu ihr. Gleich und gleich gesellt sich eben gern, könnte man meinen. Was in der Partnervermittlung durchaus Sinn macht, kennt die vedische Gesundheitslehre Ayurveda als typisches Phänomen der Energie: Jede Energie sucht sich die ihr eigene Ausdrucksform. Feuer sucht Feuer und verstärkt somit die dem Feuerelement innewohnenden Eigenschaften – willensstark, umsetzungsfähig und mitreißend! Ihre Feuerenergie reißt mich immer wieder so mit, dass es mir manchmal schwer fällt, ihrem Wunsch nach weiterer Anstrengung nicht zu folgen, obwohl ein Ausgleich der Feuerenergie durch Entspannung, sensibilisierte Wahrnehmung und harmonisches Üben neue Perspektiven auf ihre Gesundheit öffnen würden. Wenn ich dieser Schülerin dann etwas anderes anbiete, geht es dabei nicht darum, sie zu verändern. Yoga weist nicht den Weg der Veränderung, sondern den Weg des Lernens. Hier liegt der Unterschied: Wenn wir verändern, suchen wir etwas im Außen; wenn wir lernen, öffnen wir uns nach innen. Wenn wir verändern wollen, richten wir uns erst einmal nach Außen und bestätigen doch immer wieder nur uns selbst – unsere bekannten Haltungen und Ansichten. Wir suchen immer wieder das Gleiche in uns und verlieren den Blick auf das Andere – so auch auf andere Menschen. Unsere Bedürfnisse wachsen dann zu den Bedürfnissen aller Menschen und wir verstehen das tatsächliche Leid und die tatsächliche Freude der anderen nicht mehr. Das ist eine Sackgasse, aus der Yoga heraushelfen kann. Beitrag weiterlesen …

Alles was dazwischen liegt, ist ein Anfang

Es gibt im Yoga kein richtig und kein falsch. So einfach ist das. Richtig und falsch sind Bewertungen einer dualen Lebenswelt, in der wir gerne schwarz und weiß malen, weil das dazwischen so schwierig zu beschreiben ist. Aber genau da beginnt Yoga – die Facetten zwischen Freude und Leid zu erkennen und zu erfahren, was hinter jeder Bewertung, jeder Meinung und jeder Verhaltensweise liegt. Nennen wir diesen Bereich einmal Raum. Im Yoga geht es um den Raum zwischen dem Ausschlagen des Pendels in die eine oder in eine andere Richtung. Dieser Raum ist bei vielen Menschen zunächst einmal leer oder taub und namenlos. Gerade bei Anfängern fallen Beschreibungen gerne ganz deutlich dual aus: Das kann ich nicht und konnte ich noch nie! (Hast du es denn wirklich probiert?) oder Das ist mir zu anstrengend, das tut mir ja weh! (Ja, der Komfortbereich ist ziemlich schmal.) oder Au, da hat es gepiekst! (einfach mal lauschen, was dein Körper und nicht deine Lust sagt …) sind Bewertungen, die etwas Nicht-Gespürtes, etwas Unaufmerksames beschreiben und eigentlich auch nicht viel mehr als das. Wir legen eine Menge hinein in so eine unaufmerksame Erfahrung und geben schnell auf – auf die eine oder andere Art. Der eine hört ganz mit Yoga auf und der andere muckelt sich in seinem Komfortbereich gemütlich ein und achtet im Namen der Achtsamkeit darauf, sich bloß nicht in selbst ernannte Gefahren zu begeben. Schade, denn das Gegenteil von Angst ist Mut und diese stärkende Eigenschaft muss man üben – wie alles im Yoga und im Leben. Unser ältester Yogalehrer Patanjali wusste um diese menschliche Neigung zu kategorisieren und gab dem modernen Yoga Aspiranten einen Rat.

Beitrag weiterlesen …

2018 ohne Umweg zum Yoga Weg!

Es kommt der Morgen (es muss nicht der letzte oder erste Tag des Jahres sein), da spürst du die Veränderung in dir, welche die Veränderung bringt. Dieser Morgen ist immer heute, und heute ist bekanntlich besser als morgen! Also machst du dich auf den Weg zum Yoga. Aller Anfang ist schwer, heißt es ja so oft, im Yoga ist das nicht so. Die ersten Schritte im Yoga sind ganz leicht und schön: Du kannst spüren, wie dein Körper aus einem langen Winterschlaf erwacht und sich ganz ungeahnte Möglichkeiten offenbaren. Genau! Das passiert in eben diesem deinen Körper, der sich bisher nicht so angefühlt hat, als ob er wüsste, was hier eigentlich los ist. Die ersten Schritte im Yoga schaffen also nicht nur eine bessere körperliche Fitness, sie schaffen viel mehr; nämlich Vertrauen in dich selbst und in deine Fähigkeiten. Das wiederum ist um einiges mehr, als man von den ersten Malen Joggen, einem ersten Gerätetraining oder welcher körperlichen Betätigung auch immer im Wahn der Neujahrsversprechungen sagen kann. Nun bist du losgegangen und der erste Schritt auf dem Weg des Yoga ist getan, wie geht es weiter? Beitrag weiterlesen …

Der Anfang aller Selbst-Disziplin

Wenn mich Schüler fragen, ob das Unterrichten von Yoga nicht auch mal langweilig oder doof ist, muss ich immer wieder feststellen, dass Yoga die Antwort ist. Da gibt es nicht viel herum zu reden, ich bin ein Mensch und ein Mensch begegnet sich immer wieder anders. Die Tage sind verschieden und die Gemütszustände auch, also habe ich nicht immer Lust auf das, was ich gerade zu tun habe. Wenn mich Schüler fragen würden, wie es denn mit dem täglichen Kochen sei, würde die Antwort ziemlich ähnlich ausfallen. Kochen an sich ist gut, aber ich habe nicht jeden Tag Lust darauf. Lust ist eine Sache, Disziplin eine andere. Im Yoga wie im täglichen Leben geht es immer wieder um das Thema Disziplin: den Körper und den Atem zu meistern, heißt sich selbst zu disziplinieren und nicht jeder schwierigen Herausforderung nachzugeben. Regelmäßig üben heißt sich selbst zu disziplinieren; den Ort, die Zeit und Verfassung so zu lenken, dass regelmäßiges Üben möglich werden kann. Wer das nicht gleich so gut schafft, ist noch lange kein schlechter Mensch. In der Antike bedeutete Selbstdisziplin, dass ein Mensch sich selbst gut kennt und auf diese Weise gut mit Menschen umgehen kann, um einen kultivierten sozialen Umgang zu pflegen. Das ist eigentlich eine recht yogische Sichtweise. Ob der antike Mensch die im Yoga geltende Universalregel pratipaksa bhavanam kannte? So heißt es im Yoga Sutra II.33: In der Anfechtung durch Zweifel kultiviere das Gegenteil. Das Gegenteil ist im Zweifel auch unser Spiegel, das Gegenüber, so dass die Kultivierung des Selbst eine Kultivierung des Gegenübers nach sich zieht. Das ist keine Glaubensfrage, sondern eine Übung, die es sich lohnt, im Alltag auszuprobieren. So taucht unter Yogaschülern immer wieder die gleiche Frage auf – meine Zeit ist so knapp, ich schaffe es nicht zum Yoga zu kommen, wann soll ich denn üben, wenn immer was dazwischen kommt etc. Das ist ein altes Lied, kennt jeder, auch Patanjali.

Der sagt nämlich in Sutra II.38: Wer in der Zurückhaltung fest steht, gewinnt an Kraft. Und schon sind wir mitten in den niyamas – den Verhaltensregeln für den Alltagsyogi. Na klar, wer will schon Verhaltensregeln hören geschweige denn befolgen, aber Patanjali wusste, was er tat, als er festhielt, was andere oft und gerne beiseite schieben, insbesondere wenn es um Verzicht geht. Jaaa, Zurückhaltung meint nämlich Verzicht. Man könnte auch Askese sagen, aber im Grunde geht es um nichts anderes als um Selbstdisziplin und zwar in allen 5 Regeln, die das Yogaleben vorschreibt, welche da sind: Reinheit, Zufriedenheit, Verzicht, das Studium der Schriften und die Hingabe an Gott. Das klingt erst einmal viel, ist es aber gar nicht. Schließlich geht es nur um eines – Selbstdisziplin, dann kann man sich alle fünf Regeln sicher merken. Der antike Mensch nannte es wohl Kultiviertheit, der heilige Dominikus nannte es Maß, und wir könnten es einfach sich selbst zügeln nennen. Vor meinem inneren Auge erscheint das Bild des Wagenlenkers, der symbolisch als Verkörperung des Geistes die Zügel – das sind die 5 Sinne – in der Hand hält und so das Pferd – das ist der Körper – lenkt. Die Frage lautet immer: Wer lenkt hier wen? Bei den meisten Menschen ist es der Körper oder die Sinne, am aller wenigsten ist es der Geist. Nicht ohne Grund ist das schwerste im Yoga, den Geist zu zügeln, sich zu konzentrieren, sich nicht ablenken zu lassen vom rechten Weg. An dieser Stelle fühlt sich der Leser meist erst einmal verlassen. Was soll ich denn jetzt tun bzw. was soll ich denn jetzt noch alles tun? Wie eingangs erwähnt, Yoga ist die Antwort.

Der antike Mensch war nicht besser, aber er verstand vielleicht ein bißchen besser, dass Akzeptanz ein erster Schritt zur Selbst-Disziplin ist. Ich muss mich selbst erst annehmen, dann erst kann ich annehmen, was auch immer da auf mich zukommt. Regeln kann man nur akzeptieren, wenn man sich selbst akzeptiert, denn auf wen könnte ich die Regel anwenden, wenn nicht zunächst auf mich selbst? Nur dafür muss ich mich erst einmal kennenlernen, mich finden, mich annehmen. Yoga macht also nichts anderes, als diesen Weg zu mir selbst frei zu schaufeln. Und wie so oft geht es nicht nur um die Asana auf der Matte, sondern um das tägliche Zügeln in den kleinen und großen Dingen des Lebens und da ist jeder Schritt ein Schritt in die richtige Richtung. Der Alltagsyogi muss nicht jede Schüssel leer essen oder 10 anstatt einer Tasse Kaffee trinken (Reinheit), er muss nicht jeder Veranstaltung beiwohnen (Wahrhaftigkeit), er muss nicht jedes neue Auto oder Fahrrad oder Kleid haben (Zufriedenheit) und sich nicht ständig berieseln lassen, sondern auch mal gute Gedanken mit guter Literatur oder anregenden Gesprächen pflegen (Studium der Schriften) und sich immer wieder in Dankbarkeit üben, für all die Geschenke, die das tägliche Leben uns ohne zu fragen gibt (Hingabe an Gott). Mehr ist es gar nicht. Und dann wird es passieren – der Gewinn an Kraft. Alles wird an seinen Platz fallen, denn die (Yoga) Erfahrung zeigt: Wer keine Zeit für Yoga hat, hat mehr als nur Zeit verloren. Wer sich die Zeit nimmt zum Üben, gewinnt unendlich viel mehr als nur Zeit. Mal drüber nachdenken; das ist ein guter, dringend zu kultivierender Gedanke.

 

Ganz großes Yoga

Wenn die Sonne scheint, ist der Sommer schön. Ganz ehrlich, dann ist eigentlich alles schön oder jedenfalls nicht ganz so schlimm. Das ist ein interessantes Phänomen, das im Grunde für alles im Leben gilt: Wenn da Licht ist, kann es ja nicht mehr dunkel sein! Diese Feststellung trägt mich weiter zu unzähligen noch darzulegenden Gedanken, die ich gerade noch sortiere, während ich ein gutes Beispiel aus dem Arbeitsalltag einer Yogalehrerin bringe, sozusagen als Anschauungsmaterial. Kürzlich rief eine Schülerin in einer körperlich recht fordernden Übungssequenz aus: Wie kann man denn da entspannen!? Wie so oft bei den wirklich großen Fragen im Yoga ging mir folgendes durch den Kopf: Eine Frage, unzählige Antwortmöglichkeiten, aber welche ist die richtige? Oder vielmehr: Welche Antwort ist für diesen äußeren Moment und diesen Menschen in seiner persönlichen Situation die am ehesten nützliche? Gar nicht so einfach, denn die Frage hat im Kern ja schon recht; wie geht das eigentlich mit dem Entspannen? Bei dieser Antwort ist es gar nicht so leicht, Licht ins Dunkel zu bringen, denn unsere Welt ist nach der Yoga Philosophie dual und in dieser Dualität immer beides: Entspannung ist leicht und schwer zugleich. Entspannung ist grundsätzlich immer sehr gut möglich, wenn der Mensch einen Zugang zu seinen Bedürfnissen, seinen inneren Kraftquellen, zu seinem Selbst hat. Aber wer hat das schon?! Für die meisten Menschen gibt es eine Vorstellung von Entspannung (z. B. auf dem Sofa liegen und Fernsehen) oder Nicht-Entspannung (z. B. Arbeit), aber ist es das wirklich? Ja und nein.


Patañjali gibt uns Aufschluss; jedenfalls im Hinblick auf Yoga. Die Sutras II.46 und II.47 erklären, wie das geht: Ist die Asana (Haltung) fest und angenehm, so entsteht beides; die Entspannung in der Anstrengung und das In-eins-Fallen mit dem Unendlichen. Alles klar?! Hmm … eines war einem Patañjali auch vor nunmehr 2000 Jahren vollkommen klar: Entspannung kommt nicht pfeifend daher und richtet sich häuslich in Körper und Geist ein. Das weiß die moderne Wissenschaft nur zu gut, dass es viele verschiedene Hormone im Körper eines Menschen gibt, die verschiedene Formen der Entspannung bewirken. Entspannung hat nämlich viele Gesichter. Jeder Yoga Übende weiß das, wenn er denn übt! Je nach Schwerpunkt einer Übungssequenz – ob Rückbeugen, Drehhaltungen, Vorbeugen etc. – ist die Wirkung des Übens anders, aber sie ist Entspannung. Nicht ohne Grund ist Shavasana (Endentspannung) wohl das erste Sanskrit Wort, das sich jeder Yoga Übende merken kann. Es ist eben die Anstrengung im Yoga, von der Patañjali spricht, die wir mit jedem Bewegungsimpuls, jeder Konzentration, jedem bewussten Atemzug in einer fordernden Haltung eingehen müssen, um entspannen zu können. Mit dieser Anstrengung bringen wir Licht in die dunklen Ecken unseres Körpers und unseres Geistes und lernen uns Stück für Stück besser kennen. Wenn wir uns also um uns selbst bemühen, dann, erst dann, legt sich uns alles frei, was wir brauchen. Und was brauchen wir? Tja, das ist eine weitere große Frage im Yoga… Am Ende jeder Übungssequenz ist es immer mehr als nur die Summe ihrer Bestandteile: Das ist In-eins-Fallen mit dem Unendlichen. Dieses In-eins-Fallen zuerst mit sich und dann der Welt ist ein großes Vorhaben, das Zeit und Übung erfordert. Der eine schafft es in diesem Leben, der andere im nächsten. Wer das weiß, kann sich entspannt zurücklehnen und zuversichtlich in das Jetzt blicken. Es gibt keine Eile, nur Übung.

So kann es gehen

Wie so Vieles im Leben, das Beharrlichkeit, Geduld und Hingabe erfordert, ist der Yogaweg kein leichter. Ich schaue immer wieder in unverständliche Gesichter, wenn wir bisher nicht gekannte Asanas neu kennenlernen, bisher gut gekannte Asanas anders üben oder vermeintlich gut bekannte Asanas neu daher kommen. Kann es alles geben auf einem langen Yogaweg. Was es mit dem Unverständnis so auf sich hat, bleibt dennoch irgendwie offen und – wie ich finde – eine Überlegung wert. So üben wir mit jeder Asana, mit jedem Atembewusstsein und jeder Konzentrationsübung eben dies: unser Verständnis – vom Yoga, vom Leben, von uns. Und doch ist die allseits bekannte Transferleistung des theoretischen Verstehens in das praktische Verständnis viel schwieriger als am Anfang der Asana angenommen. Wo fange ich an? Als ich in einem fortgeschrittenen Kurs die Haltung Supta Virasana (liegender Heldensitz) vorstellte, kam ein ganz spontaner Ausruf aus der Gruppe: Also das konnte ich sowieso noch nie! Hmmmm, fiel mir da zuerst ein, und dann fiel mir erst mal gar nichts ein. Dieser Ausruf war so verständlich menschlich, dass mir nach einer hektischen Suche nur Worte der Erklärung (Die Haltung erfordert eine gute Becken Beweglichkeit, dafür üben wir den Iliopsoas.) und Beschwichtigung (Beginne mit dem Heldensitz und erweitere dann langsam.) einfielen. Aber zufrieden war ich nicht mit mir, denn im Grunde erforderte dieser Ausruf ein anderes Verständnis. Aber welches?

Patanjali nennt im Yoga Sutra I.6 die 5 Arten der Gedankenwellen: richtige Erkenntnis, Irrtum, Einbildung, Tiefschlaf und Erinnerung. Und jede dieser sogenannten vrtti ist leidvoll und nicht-leidvoll zugleich. Im Falle von das-konnte-ich-noch-nie gab mir die Erinnerung besonders zu Denken. Erinnerungen sind etwas sehr Schönes, sie machen einen Menschen aus. Aber sie sind eben gleichermaßen gut und schlecht. Es gibt schließlich auch schlechte Erinnerungen, die man lieber vergessen möchte; Gesagtes oder Getanes, das bis heute auf einen wirkt und das Verhalten ungewollt beeinflusst. Auf diese Weise ist die Erinnerung im Yoga eher ein Hindernis, das unsere Wahrnehmung des Jetzt nach innen wie nach außen verschließt. Es braucht aber eben dieses Wahrnehmen nach innen wie nach außen, um die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und nicht dem Irrtum zu erliegen, dass die letzte Shopping Tour eines dieser ganz dringenden Bedürfnisse ist. Jaaa, Irrtum ist schließlich auch eine vritti, die unsere Wahrnehmung ganz schön ins Schlingern bringt, aber das an anderer Stelle. Welche Bedeutung hat es in diesem Moment, wenn ich vor vielen Jahren etwas konnte oder auch nicht konnte? Das Muster lässt sich beliebig weiter stricken: das-konnte-ich-noch-nie gibt es auch etwas positiver als sowas-habe-ich-früher-nie-gehabt. Und die Frage bleibt sich gleich: Welche Bedeutung hat es in diesem Moment, ob ich früher jung und knackig war und mir nichts etwas anhaben konnte? Es geht nicht um früher, sondern um jetzt. Und es geht nicht um das Können – weder der Zukunft noch der Vergangenheit -, sondern um die eigentlichen Bedürfnisse in uns selbst, die ganz wenig mit den Erinnerungen und noch weniger mit unserer Einbildung – also unseren Bildern von uns selbst – zu tun haben. Und da wartet schon die nächste Gedankenwelle, die Einbildung… Es geht viel mehr um das, was wir jetzt sind und was wir jetzt tun können. Und so geht es um das vorurteilsfreie Lernen im Jetzt, das aus Aufmerksamkeit, Bemühen und Offenheit für das eigene Wesen und das Wesen der Dinge entsteht. Als ich in meiner Jugend Ballett getanzt habe, konnte ich den Spagat nicht und ich war über die Schmerzen der Übung enttäuscht. Das würde ich nie lernen, dachte ich. Nach all den Jahren des Übens von Asanas habe ich diese wunderschöne Haltung des vollkommenen Vertrauens Hanumanasana gelernt, aber nicht aufgrund meines Willens, sondern weil ich den Spagat vergessen habe. Ich habe meinen Ehrgeiz vergessen, mich auf das Üben im Yoga konzentriert und so mein (zugegeben romantisches) Bild von mir als Ballerina oder erfolgreiche Tänzerin usw. beiseite gelegt. So entstand ein neuer Raum, ein Raum für neues Lernen und neue Erfahrungen, die neues Wissen und neue Erinnerungen schaffen, und zwar solche des Vertrauens in die eigenen Kräfte. Das könnte ich heute auf den Ausruf das-konnte-ich-noch-nie antworten und es ist wirklich gut, dass ich mich daran erinnern kann! Wenn nun das nächste Mal ein Schüler mit sowas-habe-ich-früher-nie-gehabt kommt, habe ich Verständnis. Aber vor allem brauche ich nichts mehr sagen, sondern kann weise lächelnd auf diesen Eintrag und natürlich auf Patanjali verweisen. Wie leicht. So kann es gehen auf einem langen Yogaweg.

Eine Frage des Glücks

Das Leben hält viele Fragen bereit und die Antworten lassen auf sich warten. Als Yogalehrerin weiß ich, wovon ich spreche: Ich werde gefragt und siehe da, die wirklich gute Antwort lässt auf sich warten. SchülerIn muss sich dann mit einer mehr oder weniger zufrieden stellenden, aber immerhin yogischen Antworten zufrieden geben. Ja, auf dem königlichen Pfad des Raja Yoga wird das niyama (sanskr. = Regel für den Umgang mit sich selbst) santosha (sanskr. = Zufriedenheit) häufig unterschätzt – Zufriedenheit mit der erhaltenen und der gegebenen Antwort, die in diesem Augenblick möglich war. Mit den Fragen und den Antworten ist das so eine Sache, später fällt einem immer noch etwas ein, doch jetzt ist nicht später, aber auch nicht früher. Ich denke da immer wieder an die Literatur der mittelalterlichen Scholastik, in welcher Wissen in Gesprächen zwischen wissbegierigem Schüler und wohlmeinendem Magister dargelegt wird. Der Schüler stellt Fragen wie, wo genau das Paradies denn nun geografisch anzusiedeln sei und warum die Liebe einen weiblichen Artikel hat (was zweifelhaft sei) und der Hass einen männlichen (was zweifelsfrei unverständlich sei) und so weiter. Die Antworten des Magisters fallen entsprechend interessant, doch ganz im Sinne des mittelalterlichen Verständnisses der Zeit und der Welt aus; für den heutigen Leser eher unverständlich, aber durchaus amüsant. Was lernen wir daraus? Jede Nachricht hat einen Sender, einen Empfänger, einen Inhalt, ein Medium, einen Kontext und einen Code, so jedenfalls brachte der Sprachwissenschaftler Jakobson diese Augenblicke der oftmals ratlosen, aber schlussendlich fruchtbaren kommunikativen Zusammenkunft zwischen den Menschen auf einen Punkt. In diesem Kommunikationsmodell ist viel Raum für Missverständnisse, aber eben Raum! Raum für Präzision, Filterung, Überlegung, Beweglichkeit und Entwicklung. Vor allem die Entwicklung des Selbst.


Über dieses treffende Modell von Kommunikation – das nach wie vor Bestand hat – können wir die Kraft des Elementes akasha (sanskr. = Äther, Raum) begreifen lernen. Was ist Verstehen, wenn nicht das Greifen nach Wissen im Raum? Mit jeder Frage und jeder Antwort bewegen wir uns in diesem Raum der Möglichkeiten. Welche der Möglichkeiten wir ergreifen, das liegt bei uns selbst. Welche der Möglichkeiten uns zur Verfügung stehen, das entscheidet der königliche Pfad des beständigen und hingebungsvollen Übens von Yoga. Es gibt immer verschiedene Wege, das wusste auch der mittelalterliche Magister, der sehr wahrscheinlich Yoga gar nicht kannte (wer weiß …), aber beständig und hingebungsvoll darum bemüht war zu begreifen, zu erkennen und sein Wissen zu erweitern. Aus diesem Bemühen erwächst etwas, nämlich ein Wissen, das diesen Raum – in dem sich alle unsere Fragen und Antworten bewegen – sinnvoll, schön und weise füllt, so dass jeder Schüler und jede Schülerin diesen Raum aufsuchen kann. So verschwindet ein Stück weit Beliebigkeit, Desinteresse und Abfälligkeit aus diesem Raum des Wissens, aus unserer Lebenswelt. Nicht ohne Grund ist das Element Akasha entlang der Sushumna (sanskr. = feinstoffliche Wirbelsäule) im Kehlbereich angesiedelt, unserem Zentrum des Sprechens, unserem Tor nach außen. Das vierte der fünf niyamas ist swadhyaya (sanskr. = Selbststudium, Studium religiöser Schriften) und so betont Patanjali in Sutra II.44, was aus dem Studium des Selbst entsteht: es entsteht die Gemeinschaft mit der allem innewohnenden Seele, mit der absoluten Wirklichkeit. Das ist eine großartige Aussicht, um die sich jede Bemühung lohnt! Doch jetzt, in diesem Moment gilt: Es gibt kein Studium, das sich nicht in irgendeiner Weise ganz persönlich auf den Studierenden bezieht. Der mittelalterliche Magister denkt, fühlt und spricht zwar im Kontext des Wissens seiner Zeit, doch liegt es an ihm selbst diesen Kontext zu bewegen. Nicht früher oder später, sondern jeden Augenblick dieses Lebens. Was aus unserem Kehlbereich und dann aus dem Mund herauskommt an Worten und Gedanken, das entscheiden, bewirken und gestalten wir selbst. Dann sind die Antworten des Jahres 1400 des alten Magisters auf die Fragen des jungen Schülers doch nicht ganz so blöd … vergaß ich sie zu erwähnen?! Ah ja, da kann man ja nochmal nachfragen.

Heute mal ganz anders

Unterrichten ist eine vielseitige Arbeit, die einen ganzen Yogi (er)fordert. Oft stellen sich Fragen, die weitgehend unbeantwortet bleiben. War die Übungssequenz der heutigen Unterrichtsstunde wirklich ausgewogen? Entsprach sie dem Level der Schüler? Waren die Hilfestellungen angemessen? Fragen über Fragen. Manchmal stellen auch Schüler Fragen, die dann aber nicht unbeantwortet bleiben dürfen. So fragte mich kürzlich eine Schülerin, warum ich nach einer aktivierenden Übungssequenz am Morgen eher eine regenerative Haltung als shavasana (= Endentspannung im Liegen) empfehle. Kein shavasana?! Grundsätzlich ist gegen Shavasana nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil, ohne eine Transformation der auf der Matte geübten Energien in den Lebensalltag laufen wir wie Stöcke herum; sind hart, wo wir weich sein könnten und sind verschlossen, wo wir offen sein könnten. Jede Asana braucht ein Hineingehen, ein Verweilen und ein Herausgehen. Im Kleinen wie im Großen: Jede Zusammenstellung von Asanas braucht also eine Vorbereitung, ein Üben in abhyasa (= Anstrengung) und vairagya (= Entspannung) und schließlich eine Nachbereitung. Also doch shavasana!? Njein … Es geht auch mal anders, je nachdem, was der sich in viveka (= Unterscheidungskraft) übende Yogi will.

Beitrag weiterlesen …

In Zeiten der Nächstenliebe …

… geht es nicht gerade liebevoll zu. Was ist nicht noch alles zu besorgen, zu erledigen, einzukaufen und zu richten, wenn es Weihnachten wird! In all der Geschäftigkeit erinnern Postkarten, Geschäfte, Werbung etc. regelmäßig daran, dass Weihnachten eine Zeit der Einkehr und des Zur-Ruhe-Kommens ist. Da sind wir fast schon wieder beim Yoga, denn unser hehres Ziel ist ja nicht das anstrengende Üben auf der Matte an sich, sondern das Zur-Ruhe-Bringen der Bewegungen des Geistes – so wie es uns Patanjali im Yoga Sutra I.2 auf den Weg mitgegeben hat. Alles nicht so einfach, wenn die Gegesätze im täglichen Leben so deutlich werden und doch gelebt werden müssen. Ich wundere mich manchmal in stillen Momenten, ob das Jahresende nicht einer Art Jüngstem Gericht gleicht, wenn alles, aber auch wirklich alles vorher erledigt, getan und gerichtet sein muss, als käme danach nichts mehr. (Mittlerweile sind die Lebensmittelläden ja ziemlich lange geöffnet.) Das ist die letzte Chance, im neuen Jahr ist alles anders! Es sind viele Hoffnungen und Wünsche und gleichzeitig so viel Anstrengung und Sorge, die ein Mensch in dieser Zeit mit sich herumträgt, welche Erfüllung soll da am Ende stehen?

Beitrag weiterlesen …

Der Yoga Poser – ein Phänomen unserer Zeit

Schon lange hat mich die tägliche Yoga Praxis von der Schreibarbeit, jedoch nicht von der Inspiration abgelenkt. Das tägliche Üben in der eigenen Übungspraxis – der sadhana (sanskrit) – sowie das gemeinsame Praktizieren und Austauschen von Gedanken im Unterricht inspirieren mich zu großartigen Ideen für Schreibvorlagen, die mir aber dann irgendwie zu mickrig, zu blöd, zu langweilig, schon da gewesen, interessiert doch keinen usw. sind, so dass am Ende des Yoga immer noch nichts auf dem Papier steht. Leider, muss ich da sagen, denn gedanklich wende ich dabei die ganze Zeit Energien für etwas auf, das schließlich und endlich doch kein sichtbares Ergebnis mit sich bringt. Und schon bin ich mitten im Thema: Verschwendung von Energien. Darüber könnte ich Seiten, Bücher, Bände füllen, und es würde sich immer noch nicht in der täglichen Übungspraxis umsetzen. Übrigens auch so ein Trugschluss, der mir kürzlich mit dem Besuch der Frankfurter Buchmesse wieder deutlich wurde. Jedes Übungsbuch zum Yoga ist und bleibt ein Übungsbuch, die Asanas sind im Buch und nicht bei mir, geübt habe ich dann immer noch nicht. Ich schweife ab, zurück zum Thema: Verschwendung von Energien. Wo fange ich an? Beim Yoga Poser, und ich meine dabei wirklich das vom Englischen eingedeutschte Verb „posen“ für etwas darstellen, posieren, sich als jemand oder etwas ausgeben. Ich denke da an eine Yogastunde, in der wir die Balancehaltung Kakasana – die Krähe – geübt haben. Eine Schülerin sagte dazu, das sei ja wirklich eine Asana für Yoga Poser – erfordert gar nicht so viel Kraft oder Beweglichkeit, wie man zuerst denken mag, und macht was her! Genau, kriegst du jede Frau mit rum, machst jeden Kollegen neidisch und deine Nachbarn nicken anerkennend dazu, vorausgesetzt natürlich, dass all diese Leute wissen, wovon die Rede ist. Spaß beiseite, irgendwie kommt der uns bekannt vor, der Yoga Poser, aber warum? Was ist eigentlich so ein Yoga Poser und was macht er, dass es doch nicht ganz Yoga ist, sondern irgendwie etwas anderes?

Beitrag weiterlesen …

Die Zeit des Übens

Urlaub vorbereiten ist ein großes Unternehmen. Nicht nur das Sortieren, Waschen und Packen der Kleidung, das überlegte Einkaufen von angemessen ausreichenden Nahrungsmitteln vor den Reisen und für die Reisen, das Aussuchen von Mitbringseln, die den Gepäckrahmen – ob Flug oder Auto – auf die eine oder andere Art nicht sprengen, die Wahl der Freizeitgestaltung von Literatur bis Ball- oder Brettspielen … nein, für einen Yoga Sadhaka (einen Yoga Praktizierenden) kommt noch eine Überlegung hinzu: Wie fahre ich mit der Yoga Übung in dieser Zeit der Freizeit fort? Der Alltag hat seine Vorteile: Die Grenzen sind gesteckt und es ist mehr eine Frage der Priorisierung als der Fülle, wie Yoga da nun hineinpasst. Das „ob“ Yoga da hineinpasst, lasse ich ganz aus, denn Yoga passt immer. Nicht Yoga zu üben, weil man – wie immer – zu viel zu tun hat, ist ein Trugschluss, der uns die eigentliche Yogaerfahrung verwehrt: Wenn du vor dem Yoga denkst, keine Zeit zu haben, nach dem Yoga hast du alle Zeit der Welt. Yoga zeigt dir die Möglichkeiten, die hinter diesem Denken stehen und es ist ein Denken, eine Haltung, eine Einstellung, nicht die Realität. Wie viel Zeit hast du für dich? In Fragen der täglichen Übungspraxis für eine bessere Gesundheit formulierte einer meiner Yogalehrer seine aus Erfahrung gewonnene Einstellung so: Wenn du meinst, dass du nicht 15 Minuten am Tag Zeit für dich hast, wer hat sie dann? Die Yogalehre formuliert die Frage etwas anders: Wer (in dir) braucht diese Zeit und wer (in dir) verschwendet diese an alles andere, nur nicht an dich? Es wäre so naheliegend, hier mit dem Widerstreit von Gut und Böse anzufangen, dem kleinen Engel auf der einen und dem kleinen Teufel auf der anderen Schulter, aber wo liegt da der Lösungsweg für den Menschen in der Mitte?

Beitrag weiterlesen …

Hindernisse auf dem Yogaweg, Teil 2: Anhänge

Wenn ich so aus dem Fenster schaue, muss ich feststellen, dass im Sommer irgendwie alles möglich ist: zwischen unerträglicher Hitze bis zur nassen Kälte scheint das Spektrum des Wetters noch lange nicht ausgeschöpft. Am unglaublichsten finde ich ja auch das Tempo der Veränderungen: Kaum setze ich mich in den lauen Sommerabend, brausen schon die Gewitterwolken – ich möchte sagen in Lichtgeschwindigkeit (!) – heran und ich muss mich beeilen, noch trockenen Hauptes und Fußes die Sitzkissen ins Haus zu retten. Gemütlich ist das nicht. Und da bin ich auch schon wieder mitten im yogischen (Er-)Leben. Etwas mehr Beständigkeit wäre schön, im Wetter wie im Leben. Warum bleibt nur dieser schöne, laue Sommerabend nicht? Diese Frage erinnert im Grunde an den Schreckmoment des Prinzen Siddharta, der aus dem Schutz seines königlichen Palastes auszog, um Buddha zu werden und zu erkennen, dass es drei unvermeidbare Leiden im Leben gibt; das Alter, die Krankheit und die Armut. Warum ist es nicht immerwährend schön und leicht und gut wie in seinem königlichen Heim? Das Leben zu begehen, wie ein eigenes Haus, das jeden Tag gepflegt, gereinigt und in Ordnung gehalten wird, ist ein Ansatz, der unermüdliches Bemühen erfordert, einen Status quo zu erhalten, der aus den eigenen Vorstellungen von Heim entspringt. Fängt der Putz an zu bröckeln, müssen wir ihn ausbessern, und alles ist wieder gut. Es liegt aber in der Natur der Dinge, dass alles im Fluss ist, wie Heraklit bereits in der Antike mit seiner Aussage panta rhei (= alles fließt) verkündete. In seiner Flusslehre formuliert Heraklit aber schließlich nur, was schon da war. Und auch Buddha erkannte nur, was schon da war. Wenn Buddha von der Unvermeidbarkeit der Armut sprach, so meinte er nicht das Elend, das aus dem Tun der Menschen aus Nachlässigkeit, Trägheit oder Verachtung entsteht. Er meinte vielmehr das Nicht-Erkennen (Wollen) der Beschaffenheit der Dinge des Lebens. Und hier sagt Patanjali in den Yoga Sutras auch nichts anderes:  Die Ursache allen Leids ist avidya, das Nicht-Wissen, das Nicht-Erkennen. Also, Haus vs. Fluss, wer gewinnt?

Beitrag weiterlesen …

Hindernisse auf dem Yogaweg, Teil 1: Verkrustungen

Lange habe ich nichts mehr von mir hören lassen, aber mir fiel einfach nichts richtig Gutes ein. Dabei ist es im Yoga wie im Leben: Das tägliche Üben (= das tägliche Leben) erzählt so viele Geschichten über uns und unsere Sorgen, Wünsche und Bedürfnisse, dass man gar nicht viele Schritte gehen muss, um wieder einen kleinen, richtungsweisenden Kieselstein auf dem Weg des Yoga (= des Lebens) zu entdecken, man muss nur genau hinschauen. Doch wie so oft, liegt der Teufel im Detail und eben das genaue Hinschauen birgt schon allein drei verschiedene Möglichkeiten des Handelns. Diese heißen in der Yogalehre tamas (Trägheit), rajas (Aktivität) und sattva (Reinheit). Zusammen sind das die gunas, die drei materiellen Eigenschaften, die in unserem Leben in uns und durch uns wirken. Während nun also der Yoga Aspirant auf seinem Yogapfad dahinschreitet (= der Mensch auf seinem Lebensweg) kann er „tamasig“ handeln, er schaut dann gar nicht erst hin, meint vielleicht sogar, dass da gar kein Kieselstein für ihn liegt. Er nimmt also die Möglichkeiten, die sich ihm bieten, gar nicht wahr und denkt sich „das hat doch alles keinen Sinn“ oder „das ist ja sowieso nichts für mich“. So kann der Aspirant aber auch „rajasig“ handeln, er sucht schon nach einem Kieselstein auf dem Weg und schnappt sich gleich den schönen, glatten, runden Stein, und ist stolz auf seinen Fund. In diesem Fall sieht er schon die Möglichkeiten und bemüht sich um einen Schritt auf diesem Weg, aber dieser Schritt ist leicht und angenehm und in gewisser Weise ein Treten auf der Stelle, denn dieser Stein berührt den Aspiranten nicht in seinem innersten Wesen, er schmeichelt in der Hand und man kann sich vor anderen damit brüsten. Nun bleibt noch eine letzte Möglichkeit: Der Stein, der nicht schön und leicht ist und den man gar nicht aufheben würde, wenn da nicht doch etwas wäre, das den Aspiranten dazu bewegt, diesen steinigsten der Kieselsteine zu greifen. Das ist das „sattvige“ Handeln, das dann wirkt, das reine Handeln aus einem tiefen Bewusstsein heraus, dass es eine Wahrheit gibt, die in den Möglichkeiten dieses Steines liegt, die mehr ist als nur die Summe der jetzt und hier greifbaren Bestandteile. Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Wo kommt dieses Bewusstsein her und wie kann es wirken?

Beitrag weiterlesen …

Gestatten: der Schweinehund

Nicht jeder Tag ist ein guter Tag, um etwas Neues anzufangen. Da gibt es eine Menge Hindernisse aus dem Weg zu räumen, bevor man überhaupt anfangen kann mit dem Anfangen. Was das alles an Hindernissen sein kann, bleibe hier unerwähnt, sonst komme ich heute nicht mehr zu der eigentlichen Pointe meines Schreibens. Vor jedem Blog muss ich mir auch noch dringend eine Tasse Kaffee gekocht haben, und die Waschmaschine sollte die nächste Waschladung bearbeiten und dieses Fach in meinem Schreibtisch muss ich auch noch aufräumen, sonst geht das nicht dem Konzentrieren beim Schreiben und … Aber warum eigentlich nicht? Hindernisse sind Ballast und die können – ich betone KÖNNEN – abgeworfen werden wie Sandsäckchen vom Korb eines Heißluftballons: Dann wird Fliegen möglich! Aber das kann keiner für dich tun, das tust du selbst und du tust es für dich, nicht für jemand anderen. Ballast Abwerfen ist eine Sache zwischen Dir und Deinem Ego (sanskrit: Ahamkara = die Ich-Identität), langläufig bekannt als der Schweinehund. Ja, dieser Kerl flüstert dir im richtigen Moment alles Mögliche ein, damit du nicht tust, was dir gut tut. Was das ist, was dir gut tut, das kannst du herausfinden, wenn du einfach mal den Schweinehund ausreden lässt! Na klar,  mein Schweinehund, erst muss dieses, dann soll jenes und überhaupt, das nicht vergessen und das auf jeden Fall auch noch erledigen … und jetzt bist du doch fertig, mein lieber Schweinehund, oder? Na, dann kann es ja losgehen!

Beitrag weiterlesen …

Wärmende Schmeichler

Das alte Jahr ist wie ein alter Mantel, der jetzt abgelegt werden muss: Er hat seinen Dienst getan, an guten wie an schlechten Tagen, hat meistens zum Anlass, zur Temperatur, zur Gemütslage gepasst, auch nicht immer, aber jetzt ist er verschlissen und ein neuer Mantel wartet schon im Kleiderschrank. Nach einer ersten Anprobe: Mmmh, ja, fühlt sich schon einmal ganz gut an, wir werden sehen, wie das so wird mit dem neuen Mantel… Das ist der Moment des Übergangs: Das alte Jahr ist noch genau so frisch in Erinnerung wie die ersten Tage des neuen Jahres. Ein schöner Moment, um sich zu erinnern: manas & prana hat nach seiner Eröffnung im März 2013 insgesamt 10 in jeder Hinsicht ausgefüllte Themenworkshops angeboten und mit vielen offenen Stunden des Hatha Yoga bestimmt einen kleinen Beitrag zur Linderung von Rückenschmerzen – laut BKK Gesundheitsreport 2013 Volkskrankheit Nummer 1 in Deutschland – geleistet. Viele Freunde des Yoga praktizieren im Studio in Kelkheim-Münster beherzt Hatha Yoga und ich danke allen meinen Schülern für ihre Unterstützung, ihre Hingabe und Freude, und natürlich auch ihre Disziplin (!), die sie mitbringen und mit mir im Yoga teilen. Ich danke euch dafür! Der Beginn eines neuen Jahres ist aber auch ein schöner Moment, um Unterscheidungskraft (sanskrit: viveka) zu üben. Was sind gute Wegbegleiter, was sind irreführende Wegbereiter? 

Beitrag weiterlesen …

Das geht: Die beste Kombination von allem

Ich nehme es gleich vorweg: Was, wenn der Körper nicht richtig will? Wenn der Rücken hier und da zieht, die Gedanken kreisen, leichtes Kopfweh, der Bauch drückt … Dann gibt es eigentlich nur eines: Yoga. Aber nicht nur irgendwie und Hauptsache anstrengend und stark und jetzt. Auf die richtige Kombination der vedischen Lehren kommt es an, um kraftvolles Yoga entsprechend Lebenssituation und Konstitutiontyp zu üben. Hatha Yoga und Ayurveda ergänzen sich da hervorragend, so dass diese Superkombi beim nächsten manas & prana Themenworkshop am Samstag, den 26. Oktober 2013 von 10 -13 Uhr zum Thema Stressreduzierendes Yoga: Das Element Vata nicht fehlen darf. Yoga an sich reduziert natürlich schon Stress bzw. reguliert die äußere und innere Haltung dazu. Setzen wir hingegen das Üben der Asanas in Beziehung zu den Elementen Luft (Vata), Feuer (Pitta) oder Erde (Kapha), so kann die jeweilige Konstitution (Dosha) ausgeglichen werden: Vata reduzieren, Pitta harmonisieren oder Kapha aktivieren. Dabei geht es um die Prinzipien, die bestimmend für das jeweilige Element sind. Der Themenworkshop beginnt mit dem Vata Dosha.

Beitrag weiterlesen …

In jeder Hinsicht luftig

Der Herbst ist eine herrliche Jahreszeit, wie ich finde. Doch stehe ich damit recht alleine da, denn viele mögen den Frühling lieber. Ja ja, das Erwachen der Natur und so weiter, aber der Herbst ist doch der eigentliche, vollkommen verkannte Neuanfang. Ich mag den Herbst: Veränderung ist dem Herbst immanent und müsste doch in unserer Zeit der schnellen Trends voll im Trend sein. Die Luft wird kühl und feucht, der Wind pustet die Farbenpracht des fallenden Laubs vor sich her, so wie wir all die erwachenden Pläne für die anstehende Zeit. Welche Pläne? Auf Platz Nummer 1 steht hoffentlich deine Yoga Übungspraxis! Denn da kommt jetzt Frische rein, schließlich ist nach ayurvedischer Sicht das Element Luft – Vata – im Herbst bestimmend. Das leuchtet ein: So viel Wind und so viel Veränderung entsprechen ganz dem Bewegungsprinzip des Vata. Um nicht umgeworfen oder dahin getrieben zu werden, sollten wir uns jetzt verwurzeln, den festen Stand erneuern, uns erden. Für die richtige Frische braucht es jetzt also weniger vom Element Luft in unserer Übungspraxis, dafür mehr der Elemente Erde – Kapha – und Feuer – Pitta. Was tun?

Beitrag weiterlesen …

Ein Ausblick auf Mehr

Wo soll ich bei diesem Thema anfangen? Zum Brustkorb gibt es einfach so viel zu sagen und natürlich zu üben. Fangen wir doch einfach bei den guten alten Rückenschmerzen an. Schmerzen im Rücken sind geradezu gemein, denn sie legen sich hinterhältig auf das Gemüt und alles, was zu tun ist, fällt einem doppelt schwer. Außerdem sitzen sie nicht immer gleich dort, wo es zu erwarten wäre: Das Kribbeln in den kleinen Fingern, das Ziehen in den Beinen oder Taubheit im kleinen Zeh, bis hin zu stechendem Zwicken in den Hüften oder Schwierigkeiten bei der Atmung … die Liste ist lang und da sind wir noch nicht beim Schlimmsten angekommen. Überhaupt: Was haben diese Schmerzen oder Fühligkeiten an allen anderen Ecken und Enden mit dem Rücken zu tun? Wie gesagt, Rückenschmerzen sind gemein, sie strahlen gerne in andere Körperteile aus und wir können nicht mehr den eigentlichen Verursacher des Schmerzes erkennen. Doch darum geht es, um das Erkennen. Im Wort Erkennen liegt so viel mehr: Kennenlernen und Erkenntnis. Nicht ohne Grund fällt mir an dieser Stelle B.K.S. Iyengars viel zitierte und oft missverstandene Aussage „Der Schmerz ist dein Meister“ ein. Das ruft zuerst alle möglichen Assoziationen auf den Plan, doch sollte uns ein solcher Satz eines so großen Yoga-Meisters aufhorchen lassen.

Beitrag weiterlesen …